Mittelschicht – Angst vor dem Abstieg.

arte
2011
22.02.2011 um 20.15

In den letzten zehn Jahren stiegen in Deutschland fast fünf Millionen Menschen in die unteren Randzonen der Gesellschaft ab. Die Mittelschicht schrumpfte von 64 auf 58 Prozent. In Frankreich verlieren immer mehr Menschen das Vertrauen in die Zukunft. Zwei Drittel der Bevölkerung fürchten den Abstieg. Woher kommt die große Angst? Leidet die Mittelschicht auf hohem Niveau? Oder stimmt es, dass die aktuelle Politik vor allem die Reichen begünstigt und die Mittelschicht immer mehr zahlen muss? Die Dokumentation zeigt wie sich Leben und Denken der Mehrheit der Bevölkerung verändert haben und woran das liegt.

Das Ehepaar de Boucaud lebt mit seinem vierjährigen Sohn in Paris, im wohlhabenden 16. Arrondissement. Doch seit der ehemalige Manager Philippe arbeitslos ist, kann das Ehepaar den Kredit für die Wohnung kaum mehr zahlen. Früher war ein hohes Einkommen für die beiden selbstverständlich, nun sehen sie sich mit dem sozialen Abstieg konfrontiert. Selbst beim Einkauf von Lebensmitteln müssen sich die de Boucauds mittlerweile stark einschränken. Nathalie de Boucaud spart wo es nur geht: „Wir essen einmal die Woche Fleisch, am Sonntag und fast nie Fisch, das können wir uns nicht leisten“. 

Das Hamburger Ehepaar Kruse hat zwei Söhne und gehört zur klassischen Mittelschicht. Obwohl beide eine sichere Anstellung haben, fürchten sie den Abstieg und spüren ihn jetzt schon. Für die Betreuung ihrer zwei Kinder müssen sie demnächst monatlich 150 Euro mehr zahlen. Geld, das sie nicht übrig haben. Dagegen wehren sie sich, zusammen mit anderen Eltern demonstrieren die Kruses und wenden sich an den Hamburger Senat. 

Wir begleiten die beiden Familien beim Kampf gegen den Abstieg und zeigen ihre Sorgen und Ängste.

Wer gehört zur Mittelschicht? Was bestimmt ihr Denken? Unter welchen politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen ist die Mittelschicht entstanden, was gefährdet sie und wie wird der Begriff definiert? Der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Jean-Paul Fitoussi und der Soziologe Dr. Berthold Vogel geben Antworten. 

Auch Nicolas Teindas stammt aus einer Mittelschichtsfamilie, doch den Status seiner Eltern muss er erst einmal erreichen. Zwar fand der 31 jährige nach seinem Studium eine Anstellung in einem französischen Ministerium, aber die Bezahlung ist so schlecht, dass er nicht davon leben kann. Wie ihm geht es in Frankreich immer mehr gut ausgebildeten, jungen Menschen. Eine Festanstellung ist nicht mehr selbstverständlich, sonder eher zur Ausnahme geworden. Gute Bildung schützt heute nicht unbedingt vor Arbeitslosigkeit. 

Für Vera Klose war es stets selbstverständlich, das soziale Niveau ihrer Eltern zu halten. Von ihrem Vater übernahm die Kunsthändlerin eine gut laufende Galerie in der Hamburger Innenstadt. Doch die Krise hat sich auch auf ihre Kunden ausgewirkt. Die Mittelschicht muss sparen. Vera Klose verkaufte immer weniger Bilder und Rahmen. Zuletzt musste sie die Löhne ihrer Mitarbeiter von ihrem privaten Konto zahlen, nun löst sie den Laden – nach über 100 Jahren – auf. Ein schwerer Schritt. 

Die Situation von Vera Klose, Familie de Boucaud, Nicolas Teindas und Familie Kruse steht beispielhaft für die gesellschaftlichen Veränderungen in Frankreich und Deutschland. Wie ihnen geht es vielen Teilen der Mittelschicht. Jutta Pinzler und Johan von Mirbach analysieren Mittelschichtsbefindlichkeiten und reale Lebensumstände der tragenden Säulen unserer Gesellschaft.