Verdacht Kindesmissbrauch: Der Justizskandal von Worms

Ausgezeichnet mit dem Regino Justiz Preis 2009 für herausragende Justizberichterstattung.
arte
2008/2009
10.02.2008 um 22.45 Uhr

Es war eine der größten Niederlagen in der bundesdeutschen Rechtsgeschichte. Es war ein Prozess, der Leben ruinierte, Familien zerstörte und Eltern ihre Kinder nahm. Es war aber auch ein Prozess, der Richtern, Staatsanwälten und Gutachtern noch heute keine Ruhe lässt. Ein Prozess, der auf unterschiedliche Art alle zu Opfern machte.

1994/95. Vor dem Mainzer Landgericht sind 25 Menschen angeklagt, 16 Kinder missbraucht zu haben. Viele von ihnen sperrt man für mehr als zwei Jahre ins Gefängnis, darunter auch Jochen B. und Steven G.. Der Vorwurf: Kindesmissbrauch und Beihilfe dazu - in Dutzenden von Fällen. Die Staatsanwaltschaft ist sich sicher, Massenorgien und schlimmste Schändungen aufgedeckt zu haben. Von einem Pornoring ist die Rede. Die Beweislage scheint wasserdicht. Ärzte bestätigen, dass die Kinder missbraucht wurden. Psychologische Gutachter dokumentieren Aussagen von Kindern, die auf grausame Erlebnisse hindeuten.

Doch als die Gerichte anfangen, mit Hilfe von weiteren Experten die Akten und Zeugenaussagen zu bewerten, nimmt der Prozess eine überraschende Wendung. Viele der vermeintlichen Beweise sind unhaltbar. Ärzte haben vorschnell auf Missbrauch geschlossen, Kinder sind offenbar massiv beeinflusst worden. Das Gericht braucht über zwei Jahre, bis die Anklage fällt. Alle Beschuldigten werden freigesprochen – ein Teil von ihnen aus erwiesener Unschuld von einem der Richter, ein Teil der Angeklagten nur aus Mangel an Beweisen, von einem anderen Richter. 

Steven G. wurde nach über zwei Jahren Haft wegen erwiesener Unschuld freigesprochen, dennoch hat er alles verloren: seine Existenz, seine Ehefrau, seinen Vater, seinen Glauben an Gerechtigkeit und seine Heimat. Als Konsequenz aus den Erlebnissen ist er ausgewandert. Jochen B. ist nach zwei Jahren und sieben Monaten Gefängnis ein gebrochener Mann. Bis heute plagen ihn Alpträume. Er hat seine Tochter, die ihm damals weggenommen wurde, nie wieder gesehen. Gemeinsam mit seiner ebenfalls beschuldigten Frau hat er um sie gekämpft. Jahrelang, vergeblich. Seine Tochter, die zu Prozessbeginn noch ein Säugling war, lehnt jeglichen Kontakt zu ihm ab. Sie hält ihn bis heute für einen Kinderschänder.

Auch Martina B. gerät im Februar 94 in den Strudel der Ermittlungen. Die dreifache Mutter will ihre zwei Töchter und ihren Sohn vom Kindergarten abholen. Doch statt der Kindergärtnerin empfängt sie eine Staatsanwältin. Man erklärt ihr, dass der Verdacht bestehe, ihre Kinder würden missbraucht. Anklage wird gegen Martina B. nie erhoben. Trotzdem wird der Mutter das Sorgerecht entzogen. Ihre drei Kinder kommen für 4 ½ Jahre in ein Heim. Besuchen darf Martina B. ihre Kinder das erste Mal nach sechs Monaten – für eine Stunde, unter Aufsicht.

Für die Tochter von Jochen B. beginnt das Martyrium möglicherweise erst nachdem sie ihren Eltern weggenommen wird. Sie und fünf weitere Kinder sehen ihre Familien nie wieder, sie wachsen in einem Heim auf. Kurz vor Ende der Dreharbeiten begann die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern gegen den Heimleiter zu ermitteln, unter dessen Schutz die Kinder seit 1993 standen. Der Verdacht gegen ihn: sexueller Missbrauch von Kindern.

Der Film „Anklage: Kindesmissbrauch“ zeichnet nach, wie sich in bester Absicht aus Missverständnissen und Fehlinterpretationen ein verheerender Verdacht aufbauen konnte und wie die Justiz viele Unschuldige zu Opfern machte. Betroffene berichten über die Folgen der Wormser Prozesse. Einige hatten sich nach den Prozessen geschworen, ihr Gesicht nie wieder öffentlich zu zeigen.