Himmel über Peking

Die Taubenzüchter der Altstadt
arte
2014
23.05.2014

Die Leiter zu Bao Jianhuas Taubenschlag biegt sich, wenn der wuchtige Mann auf das Dach seines kleines Hauses in das Pekinger Altstadt hinaufsteigt. Die Sonne steht tief über dem alten Trommelturm aus der Ming Dynastie, der dem Viertel seinen Namen gibt. Bao schwenkt den Bambusstab mit der kleinen roten Fahne. Seine Tauben schrecken auf und beginnen zu kreisen, immer höher. Bao blickt auf die endlose Dächerlandschaft über der die Klänge der Taubenflöten widerhallen. “Himmel über Peking” begleitet Bao Jianhua und zwei weitere Taubenhalter der Pekinger Altstadt durch eine Taubensaison. 

Ihre Geschichten gewähren dem Zuschauer einen einzigartigen Einblick in das faszinierende Leben in den verwinkelten Gassen und Höfen des Alten Peking. Seit Jahrhunderten werden hier Bräuche und Traditionen gelebt, die es in China so nur hier gibt. Wenn die Hochhäuser jenseits des Autobahnrings nicht wären, könnte man über den Dächern der Altstadt fast meinen, daß die Zeit stehengeblieben sei. Doch auch hinter den traditionellen Fassaden geschehen gewaltige Veränderungen. Die letzten Viertel der Altstadt mit ihren Hutong-Gassen sind von Modernisierung und Abriss bedroht. Zu groß ist die Verlockung, auf den wertvollen Grundstücken im Zentrum der chinesischen Hauptstadt gewinnträchtige Bauprojekte zu realisieren. 

Und aus dem schöngeistigen Zeitvertreib der Hofbeamten der letzten Kaiser ist seit dem Umbruch Chinas ein hektischer Wettsport geworden, bei dem Rennergebnisse auf Zehntelsekunden gemessen werden und gigantische Summen umgesetzt werden. 

 

Die Taubenzucht ist schon seit Jahrhunderten ein Lieblingssport der alteingesessenen Pekinger. Einzigartig sind die Pekinger Taubenflöten, filigrane Instrumente aus Bambus oder getrockneten Zierkürbissen, die so leicht sind, dass die Vögel sie auf den Schwanzfedern tragen können. Wenn die Tauben damit über der Altstadt kreisen, erfüllt  ihre Windmusik die Lüfte.  ‚Das ist der Klang des Alten Peking”, davon ist Taubenzüchter Bao Jianhua überzeugt ist. Der 52jährige kommt aus einer einfachen Pekinger Familie. In seiner Kindheit war das Leben karg und durch die Gassen tobten die Wogen der Kulturrevolution. Das Essen war knapp und die paar Yuan für eine der begehrten Taubenflöten waren ein Vermögen. Offiziell war Kleintierhaltung sogar verboten. Inzwischen hat Bao ein auskömmliches Gehalt. Endlich möchte er für seinen Taubenschwarm einen Satz der wohlklingenden Flöten kaufen. Doch er kann sie nirgendwo mehr finden. Der bekannte Taubenflötenmeister ist weggezogen, als sein altes Haus einem Immobilien-Projekt weichen musste. Bao macht sich auf die Suche. Doch viel Zeit hat er nicht mehr, auch sein Haus soll abgerissen werden.

Seit dem Ende der politischen Kampagnen der Mao-Zeit können die Pekinger wieder ungestört der Taubenzucht frönen. Seitdem hat sich dieser traditionell chinesische Zeitvertreib ebenso radikal verändert, wie das Land selbst. Der 50jährige Hou Yuzhi gab die Ziertaubenzucht vor Jahren auf, und schwenkte auf die immer beliebteren Brieftauben um. Wie viele andere lockten auch ihn die hohen Preisgelder der Wettbewerbe.

 

Dabei fliegen die Tauben aus 300, 500 oder gar 1000 Kilometern zurück zu ihren Taubenschlägen. Die Taubenclubs messen die Zeit. Der Züchter, dessen Taube am schnellsten fliegt, gewinnt. Hou betreibt die Wettkämpfe als Hobby. Doch bisher ist es ihm jedes Jahr gelungen, bei einem der wichtigen Wettbewerbe mit seinen Vögeln auf einen ehrenvollen ersten 10 Plätze zu fliegen. “Himmel über Peking” begleitet ihn durch die Wettkampf-Saison. Die Konkurrenz wird härter, wird er es noch einmal schaffen?

Der 27jährige Song Chen steht für die Zukunft des Taubensports in Peking. Seit er im Alter von zwölf Jahren seine ersten Wettbewerbe gewann, gilt er unter den Züchtern der Altstadt als Wunderkind. Für die Wettbewerbs-Saison nimmt er seinen Jahresurlaub, dann 
geht es bei ihm für sechs Wochen nur noch um Tauben. Von den Wettgewinnen hat er sich ein Auto gekauft, mit dem er jeden morgen seine Tauben zu Trainingsflügen aus der Stadt chauffiert. Sein Ruhm reicht bis in die Vorstädte. Dort haben die wirklich großen Brieftauben-Züchter ihre Anlagen. Denn unter Chinas neuen Reichen ist es modern geworden, mit großen Investitionen in die Brieftauben-Wettkämpfe einzusteigen. Für sie ist es eine legale Form des Glücksspiels und ein Statussymbol. Song Chen hat einige Freunde unter diesen Profis, die er bei der Zucht berät. Doch bei den Wettkämpfen sind sie immer seine härtesten Konkurrenten. 

In kaum einer anderen Metropole hat die Taubenzucht eine so lange Tradition und ist gleichzeitig bis heute so lebendig. Und wohl nirgendwo sonst verändert sie sich so dramatisch. So ist “Himmel über Peking” auch eine Allegorie auf den Wandel der chinesischen Gesellschaft. Wie unter dem Brennglas offenbaren sich an der traditionellen Pekinger Taubenzucht die Umbrüche und der Wertewandel in einem Land, in dem sich das Leben der Menschen in rasantem Tempo verändert.

Kontakt: 
Michaela Kirst
Redakteurin
michaela.kirst [at] sagamedia.de